ERINNERUNGEN - Fast vier Monate in einer Klink.
Was mir bewusst geworden ist dadurch, was ich gelernt habe,
und wie sich mein Leben dadurch verändert hat, und weiter verändert,
indem ich an und mit mir arbeite.
Heißt es doch, um den Diamanten in mir zum Glänzen zu bringen,
braucht er den richtigen Schliff.

 11. August .2004: 



Habe noch über das gestrige Telefongespräch nachgedacht. G.... meinte:
Ach lass' uns diese Zeit vergessen, und uns über anderes unterhalten.
Das ist bei mir etwas anders. Ich verarbeite noch. Habe dort Menschen mit vielen unterschiedlichen Charakteren kennen, und manche sogar lieben gelernt. Mit einigen verstand ich mich auf Anhieb. Wir aßen zusammen am Tisch, wir gingen zusammen spazieren, lachten, alberten herum.
Neckten uns gegenseitig. Teilten unsere Kekse und Süßigkeiten, und das Wichtigste war: Fühlte eine/einer sich schlecht, so trösteten wir uns gegenseitig, bauten uns auf. Kam nachmittags Besuch, setzen sie sich auch
zu uns an den Tisch (außer sie wollten alleine mit ihren Freunden oder Verwandten sein). Es wurde zusammen geklönt und gelacht. Die Frau eines Mitpatienten brachte uns oft selbstgebackenen Kuchen mit, wir durften uns davon nehmen. Wenigen schenkte man sein Vertrauen und erzählte etwas mehr aus seinem Leben und umgekehrt. Lehnte auch mal den Kopf an die Schulter einer anderen Frau. Es ist schön, wenn man zuhören kann und umgekehrt. Man weiß gar nicht, wie viele Botschaften, Lehren für uns selbst in den Worten (Sätzen) enthalten sind. Wichtig finde ich auch, die/den andere/n wissen zu lassen: Du bist wichtig in meinem Leben, ich mag Dich sehr gerne, ich freue mich, Dich kennen gelernt zu haben. Jeder Mensch kann vom anderen lernen, das ist mir inzwischen bewusst geworden.




Weiter darüber schreiben kann auch befreien, und verarbeiten helfen.
Ich weiß auch, dass sein musste, was passierte, um mich von meinem Umweg auf den (so glaube ich) richtigen Weg zu bringen.
Damit weiter auseinandersetzen, es verarbeiten, ist wichtig,
um so gänzlich von Panikängsten frei zu werden. Es war ein ziemlich tiefer Einschnitt in meinem Leben. Ich lernte so viel dabei, daraus, was für mich sehr wichtig ist, mir neuen Lebensmut und Lebenskraft vermittelte,
und weiterhin gibt.

Zuerst war es furchtbar. Es war ein ziemlich heißer Tag, der 23. Juli 2003. Habe den ganzen Tag über gearbeitet, Essen für 4 Personen gekocht, den Backofen angehabt, abends dann kurz auf dem Balkon in der Sonne gesessen, mit meinem Mann geklönt, (unterhalten) und ich trank ein Bier, mein Mann ein Glas Wein. Danach ließ ich mir ein Bad ein, saß im heißen Wasser. Trank später beim Fernsehen noch ein Bier. Das war sehr wahrscheinlich alles zu viel. Denn ich litt unter Bluthochdruck ohne es zu wissen. Ging ja auch jahrelang in die Sauna. Und Hitze machte mir eigentlich nichts aus. Kälte kann ich schlechter vertragen.

Mitternacht war gerade vorbei, ich war kurz eingeschlafen, wurde wach, hatte einen total trockenen Hals, wollte zur Toilette gehen, und kam nicht hoch. Da ich in der Bauchlage schlafe, rolle ich mich dann auf die linke Seite, und stehe auf. Doch dieses Mal ging es nicht, ich fiel zurück, und merkte, ich kann die ganze linke Seite nicht mehr bewegen. Panik überfiel mich. Und dachte nur noch: Verflixt, das ist ein Schlaganfall. Fing an zu flüstern,
ob ich noch sprechen konnte.



Ich versuchte es immer wieder. Ich wollte es schaffen. Dachte: Du schaffst es! Murmelte immer wieder vor mich hin: Kraft, Energie, Kraft, Energie, und endlich mit einer gewaltigen Anstrengung gelang es mir, mich auf die Bettkante zu setzen. Mir war schwummerig, ich zitterte, doch der Durst, der total trockene Hals, mir war, als hätte ich einen dicken Kloß im Hals, trieb mich die drei Schritte zum Fenster, denn dort steht immer mein Mineralwasser für die Nacht. Es gelang mir! Ich trank, dann tastete ich mich Schrittchen für Schrittchen zum Lichtschalter. Atmete tief durch, und überlegte, wie schaffst Du es zum Schlafzimmer von Richard (meinem Mann). Ich wollte ihn auch nicht zu Tode erschrecken! Also, weiter ging's ganz langsam, bis an die Tür, geöffnet, und leise "Richard" gerufen. Nach zwei- dreimal rufen, wurde er wach, war ganz benommen, und es dauerte, bis ich ihm klar machen konnte, was passiert war. Zurück in mein Zimmer, ich fing an zu weinen. Mein Mann rief einen unserer Söhne an, der ist um diese Zeit immer noch wach, der stellte allerlei Fragen, auch ob ich mich bewegen kann, und riet morgens sofort einen Arzt aufzusuchen. Da ich sehr unruhig war, ging ich an Richard's Arm ins Wohnzimmer. Er öffnete die Balkontüre. Ich nahm von den Bachblütentropfen die Notfalltropfen, etwas Basika. (Regelt den Säure-Basengehalt im Blut) und versuchte am Arm meines Mannes ein wenig hin und her zu gehen. Nach
2 Stunden, ging ich wieder ins Bett. Mein Mann hatte am nächsten Tag einen wichtigen Termin, brauchte seinen Schlaf. Er brachte mir eine Aluminiumschüssel und einen Kochlöffel, wenn etwas sein sollte, wollte ich da drauf klopfen. Ich döste vor mich hin, angstgeschüttelt. Morgens überlegten wir, welchen Arzt wir anrufen könnten. Dann fiel Richard ein, dass hier in der Nähe von uns ein Internist praktiziert. Er rief an, ich sollte gegen Mittag kommen, mir ging's mittlerweile aber wieder so schlecht, dass ich gleich kommen konnte. Wurde untersucht, Blutdruck gemessen, und ein Krankenwagen bestellt. Ich durfte nicht mehr zurück nachhause. Das Klügste wäre sicherlich gewesen, sofort in der Nacht einen zu bestellen. Andererseits hätte ich diesen prima Arzt nicht kennen gelernt, bei dem ich mich gut aufgehoben fühle. Er ist sehr humorvoll, macht immer Scherzchen. Der Krankenwagen kam, ich konnte selbst an den Armen der zwei Betreuer gehen.



Im Krankenwagen fingen wir ein Gespräch an. Ich sollte ein bisschen erzählen, und ich berichtete. Sie legten mir ans Herz, sollte irgendetwas mit mir oder meinem Mann passieren, nicht lange zu überlegen, sondern sofort anzurufen. Dafür sind wir doch da, sagten sie!
Im Krankenhaus angekommen, wurde ich kurz untersucht und kam auf die Neurologie. Wurde für 1 1/2 Tage an einen Monitor angeschlossen, der vor allem den Blutdruck kontrollierte. Das war für mich schlecht, da ich ja (wie schon erwähnt) in der Bauchlage schlafe. Das ging nicht mit den vielen Kabeln,, Armmanschette etc. Dann gab es täglich ein Spritzchen in den Bauch. Zur Toilette gehen trieb mir den Schweiß auf die Stirne, musste jedes Mal nach einer Schwester klingeln, die mich entkabelte, und hinterher wieder anschloss. Mir war das so peinlich, da ich andauernd zur Toilette musste, ich sollte auch viel trinken. Dann die Aufregung. Tja, und nun kam es dicke: Durch dieses nächtliche Erlebnis bekam ich andauernd Angstattacken! Wie froh war ich, als ich dann in ein Zimmer verlegt wurde. Dreier Zimmer. Und nun begann eine Hölle für mich! Dauernd schoss der Blutdruck in die Höhe, durch die Angst, nehme ich mal an, wurde auch vermehrt Adrenalin in meinen Kreislauf ausgeschüttet. Und, ich konnte nicht mehr auf dem Bauch schlafen, da ich ja diese Erinnerung an die Nacht und meine linke Seite hatte! Auf dem Rücken ging so gut wie gar nicht. Zu viele Medikamente wollte ich nicht haben. Da es jahrelang auch ohne ging. Ich lag am Fenster, die Sonne knallte nur so rein, die Neurologie liegt im 11. Stock, und die Fenster kann man nicht öffnen, auch nicht auf Kipp stellen, nur einen ganz kleinen Spalt öffnen. Wir mussten Tag und Nacht die Türe offen lassen, und es war ganz schön quälend. Nach einigen Tagen, nachdem mein Blutdruck einigermaßen stabil war, wurde ich entlassen, obwohl ich am Tag davor noch eine schlimme Angstattacke hatte, und ein Arzt kommen musste. Es hieß dann jedoch: mit den Ängsten müsse ich leben. Schon am gleichen Abend zuhause, musste eine Notärztin kommen. Am nächsten Tag fuhr mich mein Mann zum Arzt. Der Internist, bei dem ich erst ganz kurz in Behandlung war, hatte inzwischen Urlaub. In der Praxis wurde ich beruhigt, erhielt Tabletten und wurde nachhause geschickt. Abends ging es mir so miserabel, dass wieder ein Krankenwagen kommen musste, und zurück in die Klinik. Dieses Mal kam ich nicht wieder auf die Neurologie, sondern auf eine andere Station.  Wieder 3 Bett Zimmer. Klimamäßig das Gleiche, wieder Tag und Nacht Türe offen lassen. Dieses Mal hatten wir das Pech, dass wir direkt am Eingang (Klapptüre) lagen. Es ging rein und raus, und die Türe ging leider mit großem Geräusch auf und zu. Ich konnte nicht viel aufstehen, nur zur Toilette. Auf dieser Station waren überwiegend Schlaganfallpatienten und so nahm meine Angst zu, statt ab.



Mehrere Wochen blieb ich hier. Viele Untersuchungen wurden gemacht.
Mal konnte ich aufstehen, oft nicht.
Alle waren lieb und nett zu mir. Kamen, wenn ich klingelte, holten einen Arzt oder Ärztin, wenn es besonders kritisch war. Wir versuchten, mich wieder dauerhaft auf die Beine zu kriegen. Ich versuchte es auch, auf einem Fahrrad.
Ich weiß nicht, wie man es im Krankenhaus nennt. Nach drei oder vier Mal,
wurde mir gesagt, ich müsse damit wieder aufhören, der Blutdruck steigt zu rapide an. Weiterer Versuch: Gymnastik auf einem Hocker. Schlug auch fehl.
Manchmal schaffte ich es in den Gemeinschaftsraum zum Essen zu gehen, und oft musste ich mitten auf dem Weg wieder umkehren. Die Schwestern und Pfleger gaben sich viel Mühe, wollten mir Essen auf's Zimmer bringen.
Fragten nicht nur einmal. Ich wollte nicht, bekam nichts runter. Hinzu kam, dass ich Durchfall bekam, und der dauerte und dauerte. Ich lief zur Toilette noch und noch. Es kam nur noch leicht gefärbtes Wasser. Und ich wurde verdonnert, zu trinken und nochmals zu trinken. In der einen Nacht brachte eine Schwester mir eine ganze Kanne voll Kamillentee, und noch dazu eine Flasche Mineralwasser, musste alles sofort hintereinander austrinken.
Damit der Körper nicht austrocknet, bei dem vielen Wasserverlust.
Oft saß ich auch um Mitternacht herum bei einer der diensthabenden Schwestern, wenn mich die Angst packte, und ich nicht schlafen konnte,
und sie kochten mir dann immer einen Kräutertee, und unterhielten sich mit
mir, während sie ihre Arbeit taten. Das beruhigte mich, und ich ging
dann später wieder ins Zimmer zurück.
Es war Hochsommer, und ich konnte nicht nach draußen.
Dann eines Nachmittags, ich war schon ziemlich lange auf dieser Station,
mein Mann war gerade da, kam eine Schwester ins Zimmer rein, stellte sich
ans Fenster, wo mein Bett stand und meinte, auch zu meinem Mann:
Wie wäre es jetzt mit einem kleinen Spaziergang? Ich unsicher: Nein,
ich habe Angst, mich vom Haus zu entfernen. Sie: Was soll Ihnen passieren?
Ich: Vielleicht ein Panikanfall? Sie: Sie sind doch hier gleich ganz nah bei uns.
Dann schlug sie vor: Ich hole einen Rollstuhl, steht gerade einer auf dem Flur, da setzen sie sich rein, und ihr Mann fährt sie. Ich zögerte, blickte meinen Mann an, er nickte mir zu. Dann sagte ich: Na gut, versuchen wir es.
Es ging los, die Luft und die Sonne taten mir gut nach der langen Zeit nur im Haus. Doch zu weit wollte ich nicht. Zwischendurch versuchte ich aufzustehen,
und wenige Schritte zu gehen. Dann ließ ich mich wieder schieben.
Am anderen Tag ging es am Nachmittag wieder los. Dieses Mal fuhr mein Mann mich um den dort angelegten See. Diesen Weg bin ich viel später oft
gegangen, entweder mit anderen, gelegentlich in der Gruppe, oder auch oft
ganz alleine.

Ich kam erneut auf eine andere Station, bekam Medikamente und lernte andere Frauen kennen. Mal ging es aufwärts, dann wieder abwärts. Anfangs berichtete ich ja schon darüber. Besuch wollte ich kaum haben, und möglichst auch keine Telefonanrufe außer von meiner Familie. Manchmal nicht mal das, sondern nur noch von meinem Mann.  Befürchtete, gerade
dann evtl. eine Angstattacke zu bekommen, und das wollte ich nicht.
Wie gesagt, der Zustand wechselte, mal euphorisch, dann wieder down.
Zwischendurch wurde ich auch entlassen, musste wieder zurück und das
gleiche noch einmal. Zuhause saß mir weiterhin die Angst in den Knochen.
Durch die Medikamente konnte ich sie in Schach halten, doch auf die Dauer hatte ich nicht vor, weiter viel Medikamente zu nehmen.
Ich sagte mir also: Hilf dir selbst !

Die Angst war listiger. Durch die Medikamente in Schach gehalten, suchte sie sich einen neuen Weg. Ich bekam massive Schluckbeschwerden!
Ging zum HNO Arzt. Der fand nichts ungewöhnliches. Dann ließ ich die Speiseröhre und Mageneingang röntgen, auch nichts, was zu den Beschwerden führen könnten. Ich sprach mit einem Arzt darüber, ob es möglich ist, dass sich Angst verlagern kann, er bestätigte es mir. Inzwischen hatte ich schon angefangen ganz langsam weniger Medikamente zu nehmen. Und es ging.
Inzwischen sehr stark reduziert. Ich arbeite einfach mit der Angst. Habe sie
akzeptiert, und gebeten, mich zu warnen, wenn ich wirklich in Lebensgefahr bin, ansonsten mich nicht immer so zu erschrecken. Gut, sagte ich ihr,
arbeiten wir als Team zusammen. Aber auch die Tabletten machen einen trockenen Hals und verursachen Durst, das habe ich zwischenzeitlich auch herausgefunden und geklärt.

Das besonders Positive ist: Ich habe mindesten 20 kg. abgenommen !
Habe seit damals, als es passierte keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken.
Ernähre mich anders. Brauche längst nicht mehr so viel. Bin viel früher satt.
Keine zweite Portion mehr. Abends nur Salat.
Ich fühle mich gut. Wenn mir bei der Hitze mal ein wenig schwummerig wird,
ist es der Kreislauf, habe zu viel gearbeitet, oder mich draußen auf dem Balkon beim Bearbeiten meiner Blumen und Kräuter zu viel gebückt.

Zweimal veranstaltete ich eine Modenschau, und war super drauf, denn ich passte in all meine Sachen wieder rein. Ein herrliches Gefühl, wieder so beweglich zu sein, sich jung zu fühlen, und hin und wieder doch schon wieder recht unternehmungslustig. Dauernd bin ich am Arbeiten, aufräumen,
Ordnung zu machen und zu halten. Denn: Wie innen so außen. Es geht aber auch anders herum. Äußere Ordnung bewirkt innere Ordnung.
Umgekehrt: Innere Ordnung zieht äußere Ordnung nach sich.
 Kochen macht mir auch wieder viel mehr Spaß.
Und ich nehme mir auch Zeit für mich selbst.
Meine neueste Leidenschaft, ist ja, meine Fantasie auf Sand und im Sand
zu gestalten. Wir haben immer viele Blumensträuße in der Wohnung.
Und ich fotografiere viel. Habe Orchideen, die viel Pflege benötigen,
wenn ich meine Freude daran und damit haben möchte.

Damals hätte ich nicht daran gedacht, dass es je wieder so werden würde!
Einige Male äußerte ich zu den Ärzten: Ich glaube zu sterben ist einfacher,
als solch ein Martyrium zu erleben!

Und darum verstand ich mich auch auf Anhieb mit einigen Frauen von Anfang
an gleich so gut, wir hatten alle etwas durchgemacht. Erst wenn man selbst
etwas erlebt hat, weiß man, wie man sich fühlt!
Und ich lernte, selbst zu trösten, zu helfen, zuzuhören, ja, ich lernte sogar
Liebe zu anderen Menschen aufzubauen und  zu zeigen.


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