Grenzüberschreitung 



Ich nahm mal an einem Seminar teil.
Grenzüberschreitung nannte es sich.

Einmal in der Woche wurde der Abend immer anders gestaltet.

Doch ein Abend blieb mir besonders im Gedächtnis haften.
Ich erinnere mich : Sie hatte viele dicke Kerzen und einen
Kassetten Rekorder mitgebracht.
Wir stellten die Stühle zu einem großen Kreis zusammen.
Alle, inzwischen angezündeten Kerzen - in die Mitte
zu einem kleinen Kreis.
Zuerst durfte jeder Dampf ablassen, schimpfen, lachen usw.,
um die nötige Ruhe zur Entspannung zu finden.

Dann erhielten wir eine Aufgabe. 
Jeder von uns sollte zwei Symbole in die Entspannung mitnehmen,
eins für den Verstand und eins für das Gefühl.
Auf dem Berg werde dann jemand auf uns warten, ließ sie uns wissen. 
Leise Musik erklang aus dem Rekorder, ich schloss die Augen
und wählte mir meine Symbole, und zwar für den Verstand ein Messer, und für das Gefühl ein rotes Herz mit Wurzeln. Dann ging ich los.
Über ein grüne Wiese mit vielen bunten Blumen.
Der Aufstieg begann. Plötzlich bemerkte ich eine Schlange,
die sich neben mir den Berg hinauf schlängelte.
Es störte mich nicht und sie war auch ganz friedlich.
Es ging um viele Windungen und dann war ich oben.
Eine kleine weiße Kapelle erwartete mich.
Die Türe war offen, ich trat ein. Ruhe durchströmte mich.
Vorne vor dem Altar lag ein blaues Samtkissen.
Ich wusste, darauf sollte ich meine Symbole legen.
Dann ging ich rechts einen schmalen Gang entlang.
Ein weiser Mann erwartete mich.
Wir sprachen nicht, wir verstanden uns ohne Worte.
Er ließ mich wissen:
Lass' Deine Symbole hier, ich werde sie reinigen.
Und auf meine lautlose Frage erhielt ich schon die Antwort:
Du wirst es wissen. Meine Frage lautete:
Wann kann ich sie abholen ? 
Dann trat ich den Rückweg an. Die Schlange war verschwunden.
Ich war sehr gelöst und heiter.

Die Musik war zu ende, wir öffneten die Augen.
Es war unheimlich ruhig.
Dann forderte unsere Seminarleiterin uns auf, unsere Geschichte
den anderen zu erzählen. Die Frauen machten den Anfang.
Die Männer folgten langsam nach und nach.
Alle öffneten sich. Jeder hatte "seine Geschichte" erlebt.
Mit seiner weisen Frau oder mit seinem weisen Mann
in sich selbst Kontakt aufgenommen. 
Ein wunderbarer, ungewöhnlicher Abend.




 

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