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Die Seele des Wals
und das brennende Herz
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Ein Eskimo - Märchen ---
Hoch oben im Norden unserer Erde, in einem eisigen Land in der Nähe des Nordpols, lebte ein dummer, eitler und eingebildeter Rabe. Der flog einmal aufs Meer hinaus, weit hinaus. Er flog und flog weiter und weiter. Da er endlich müde wurde, begann er nach Land auszuspähen. Aber ringsumher war kein Land zu erblicken. Zuletzt war der Rabe so müde, dass er sich nur noch mit matten Flügelschlägen über dem Wasser halten konnte. Plötzlich tauchte ein großer Walfisch dicht vor ihm auf. Darüber war der Rabe so erschrocken, dass er dem
Wal gerade in den Rachen hineinflog.
Stockdunkel war es um ihn herum, es sauste und brauste und plätscherte, und in einem rauschenden Wasserstrom wankte er im Innern des Wales umher und glaubte schon sterben zu müssen.
Da taumelte er unversehens in ein Haus hinein, in ein schönes und reizendes Haus, in dem es hell und warm war. Es war ein Haus aus Walfischknochen, gebaut wie die Wohnungen der Menschen dort oben im ewigen Eis, und alles darin war auch so eingerichtet wie bei den
Menschen. Auf der Schlafbank saß eine junge Frau und machte sich an einer brennenden
Tranlampe zu schaffen. Sie erhob sich, ging freundlich auf den Raben zu und sagte: "Du bist mir als Gast willkommen, wenn du mir nur einen einzigen Wunsch zu erfüllen gelobst:
du darfst niemals meine Lampe anrühren."
Der Rabe war glücklich, dass er sein Leben gerettet hatte, und beeilte sich, ihr zu versichern, dass er die Lampe niemals anrühren würde. Und dann setzte er sich auf die Schlafbank und wunderte sich, wie fein und rein es in dem kleinen Hause war.
Aber eine seltsame Unruhe lag über der jungen Frau: sie saß niemals längere Zeit still; in kurzen Zwischenräumen erhob sie sich von der Schlafbank und schlüpfte zur Tür hinaus. Es dauerte nur einen Augenblick, dann kam sie wieder herein; aber gleich darauf war sie wieder fort. "Was macht dich so unruhig?" fragte der Rabe. "Das Leben", antwortete die junge Frau, "das Leben und mein Atem." Aber diese Antwort verstand er gar nicht.
Der Rabe, der nun zur Ruhe gekommen war und seine Angst vergessen hatte, fing an, neugierig zu werden. Er sah sich im ganzen Hause um und betrachtete alles eingehend. Vor allem die Lampe erregte seine heftige Neugier. Die Lampe hat sicher eine ganz besondere Bedeutung, dachte er. Die Frau hat mich so freundlich begrüßt, aber gleich beim Eintreten musste ich ihr versprechen, die Lampe nicht zu berühren. Warum wohl, fragte er sich, was kann geschehen, wenn ich sie berühre? Und
jedes mal, wenn die Frau hinausschlüpfte und er allein blieb, bekam er mehr Lust, sein Versprechen zu brechen und hinzugehen, um die Lampe nur ein ganz klein wenig zu betasten. Zuletzt konnte er seine Neugier nicht länger zügeln, und als die Frau wieder zur Tür hinausschlüpfte, sprang er hin und berührte den Docht der Lampe.
Im selben Augenblick taumelte die Frau zur Tür herein, fiel auf
den Fußboden und blieb tot liegen, während die Lampe erlosch.
Jetzt bereute der Rabe, was er getan hatte, aber nun war es zu spät. Er schwankte umher in schwarzer Finsternis, und das schöne, helle Haus war nicht mehr da. Es wurde unerträglich heiß, so heiß, dass seine Federn abfielen. Halberstickt taumelte er im Bauch des Wals zwischen Speck und Blut umher, und nun erst begriff er, was geschehen war: Die junge Frau war die Seele des Wals.
Sie schlüpfte zur Tür hinaus in die frische Luft jedes mal, wenn
der Wal Atem schöpfen musste, und die Lampe, die mit großer
und ruhiger Flamme gebrannt hatte, war das Herz der jungen Frau.
Der Rabe aber hatte aus reiner Neugier das Herz der jungen Frau berührt, und darum war sie gestorben und mit ihr der Wal, dessen Seele sie gewesen war. Er wusste nicht, dass das Feine und Schöne auch zerbrechlich, vergänglich und leicht zu vernichten ist, denn er selbst war dumm und von zähem Leben. Und nun kämpfte er um sein eigenes Leben in Finsternis und Blut.
Alles, was zuvor schön und rein gewesen, war nun hässlich und übelriechend geworden. Endlich glückte es ihm, auf dem gleichen Wege hinauszuschlüpfen, auf dem er hergekommen war, und da saß er nun, ein halbnackter Rabe, beschmiert und besudelt, auf dem Rücken des toten Wals. Hier blieb er sitzen und lebte vom Aas, während ihn Wind und Wellen hin und her warfen. Seine Flügel waren gebrochen,
so dass er nicht mehr fliegen konnte.
Ein Sturm trieb den Wal endlich ans Land, und die Menschen sahen den toten Wal und ruderten in ihren Booten hinaus,
um Fleisch und Speck zu bergen.
Als der Rabe sie kommen sah, verwandelte er sich in einen Mann, in einen kleinen, hässlichen, dunkelhäutigen und zerzausten, struppigen Mann, der oben auf dem Wal stand. Und mit lauter Stimme krächzte er: "Seht her, ich bin der Waltöter!" Dass er
aber aus lauter Neugier ein Herz angerührt und etwas Feines
und Schönes zerstört hatte, davon sagte er kein Wort.
Er prahlte nur überheblich: "Ich bin es, der den Wal getötet hat!"
Und so wurde er ein großer Mann unter den Menschen.
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( Das Eskimo Märchen steht in dem Buch "Märchen der Welt" -
Gesammelt und neu erzählt von Erik Jelde -
Droemersche Verlagsanstalt TH. Knaur Nachfolger -1956 )
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